Zurück zu Insights
InnovationFührungKulturDesign Thinking

Was Bahasa Indonesia mir über Neugier beigebracht hat

Veröffentlicht 3. April 2026·6 Min. Lesezeit

Ich mache Fehler. Und ich mag das.

Das klingt seltsam, wenn man es laut ausspricht. Aber es ist die ehrlichste Beschreibung von etwas, das ich in den letzten Monaten erlebt habe — und das mich mehr über meine eigene Arbeit gelehrt hat als manches Projekt der letzten Jahre.

Ich lerne gerade Bahasa Indonesia. Nicht weil ich muss. Sondern weil ich Zeit zwischen Berlin und Jakarta aufteile, weil meine Partnerin Indonesierin ist, weil mir wichtig ist, nicht immer der Gast zu sein, der nickt und lächelt, ohne wirklich zu verstehen. Ich lerne mit Duolingo, in Alltagsgesprächen, durch Zuhören. Ich bin noch am Anfang — erste Sätze, einfache Phrasen, manchmal das falsche Wort zur falschen Zeit.

Und genau das ist der Punkt.

Seit fünfzehn Jahren sage ich Menschen, dass Fehler keine Rückschritte sind. Dass wer einen Fehler macht und daraus lernt, weiter ist als jemand, der gar keinen Fehler riskiert. Ich sage das in Workshops. Ich sage das in Sprints. Ich sage das Führungskräften, die Angst haben, sich vor ihrem Team zu blamieren. Es stimmt. Ich glaube es wirklich.

Aber ich habe es nie so deutlich gespürt wie jetzt — wenn ich auf Bahasa eine falsche Verbform benutze und jemand freundlich korrigiert, und ich merke: ich lächle. Nicht aus Höflichkeit. Sondern weil etwas in mir weiß: das vergesse ich jetzt nicht mehr.

Das ist der Unterschied zwischen wissen und erleben.

WISSEN „Fehler sind das beste Lernmittel." 100× gesagt. In jedem Workshop. ERLEBEN Jakarta. Falsches Wort. Korrektur. Ich lächle. 1× gefühlt. Nie mehr vergessen.

Ich kenne das Prinzip. Ich habe es hundertmal erklärt. Aber als Expertin oder Experte in einem Feld bewegt man sich meistens in einer komfortablen Zone. Man weiß, was man nicht weiß — und man meidet es geschickt. Man bleibt im Bereich, wo man gut ist. Fehler passieren selten, und wenn, dann kontrolliert.

Eine neue Sprache zerstört das. Du kannst dich nicht hinter Kompetenz verstecken. Jeder Satz ist ein Experiment. Jede Unterhaltung ist ein Sprint mit ungewissem Ausgang. Und weil du weißt, dass Fehler unvermeidlich sind, hört das Gehirn auf, sie als Bedrohung zu behandeln.

Das ist Beginner's Mind. Und Beginner's Mind ist eines der wertvollsten Dinge, die du in die Arbeit mitbringen kannst.

In Innovation-Projekten verwenden wir diesen Begriff seit Jahrzehnten — ein Konzept aus dem Zen-Buddhismus, das Design Thinking übernommen hat. Gemeint ist die Fähigkeit, ein Problem so zu betrachten, als würde man es zum ersten Mal sehen. Ohne die Last von Annahmen. Ohne die Scheuklappen von Erfahrung. Mit echter Neugier. Klingt einfach. Ist es nicht.

Was ich selten höre: wie schwer das ist, wenn man aufgehört hat, wirklich Anfänger zu sein.

Ich bin seit fünfzehn Jahren in der Innovationsberatung. Ich weiß, wie Workshops funktionieren. Ich kenne die Muster, die Fallen, die Momente, in denen eine Gruppe dreht oder stagniert. Und genau dieses Wissen macht es schwerer, wirklich neugierig zu sein — weil ich oft zu schnell glaube zu wissen, wohin etwas führt. Das ist keine Stärke. Das ist ein blinder Fleck.

Bahasa Indonesia schafft das ab. Ich weiß nicht, wohin der Satz führt. Ich kenne die Grammatikregel noch nicht. Ich bin genuinely verwirrt — und das fühlt sich, wenn man damit Frieden schließt, erstaunlich lebendig an. Wie ein Workshop, in dem man selbst der Teilnehmer ist.

Es gibt noch etwas, das mich überrascht hat: Fehler auf Bahasa motivieren mich. Nicht im abstrakten Sinne von „ich weiß, dass ich daraus lerne." Sondern im konkreten, körperlichen Sinne — ich will weitermachen. Der Fehler erzeugt Energie, keinen Abbruch.

+ Energie − Energie Früher Jetzt Frust Resignation Energie ↑ Fehler gemacht Motivation danach Fehler gemacht

Das ist nicht selbstverständlich. Wer schon mal versucht hat, eine Sprache im Erwachsenenalter zu lernen, weiß, dass es auch anders geht. Scham ist das größte Hindernis. Das Gefühl, sich zu blamieren. Die Angst, infantil zu wirken. Das alles ist real — und es blockiert Millionen von Menschen dabei, überhaupt anzufangen.

Was mir hilft, ist nicht Mut. Es ist eine Überzeugung, die ich mir über Jahre erarbeitet habe: Ein Fehler ist kein Versagen. Er ist Datenerhebung. Und Daten sind gut. Das klingt nüchtern — und genau das ist die Stärke davon. Es nimmt dem Fehler die moralische Ladung.

Wenn ich das in meine Arbeit übersetze: Die Teams, die am schnellsten lernen, sind nicht die Teams, die die wenigsten Fehler machen. Es sind die Teams, die Fehler am schnellsten sichtbar machen — und am schnellsten daraus umschalten. Das ist der eigentliche Skill. Nicht Fehlerlosigkeit. Fehlerfreundlichkeit. Es ist ein Kulturmerkmal, kein Talent.

Und das lerne ich gerade, in einer Sprache, die ich noch kaum spreche.

Ich sitze in Jakarta, sage etwas falsch, werde freundlich korrigiert — und denke: Genau so sollte das in jedem Projekt sein. Dieser Moment. Diese Leichtigkeit. Diese Energie nach dem Fehler, nicht davor.

Wenn du gerade in einem Kontext arbeitest, wo Fehler bestraft werden — oder wo du selbst unbewusst dafür sorgst, dass sie bestraft werden — dann ist das die wichtigste Frage: Was würde sich verändern, wenn Fehler hier Daten wären?

Nicht Versagen. Daten.

Ich lerne das gerade. Auf Bahasa.